Noth (Subst.)


Noth (Subst.)
1. Ai d'r Nût fresst d'r Taif'l Flîja. (Oesterr.-Schles.) – Peter, 453.
2. Aus der Noth hilft kein Schreien (Handeln).
3. Aus der Noth in den Tod.
4. Aus Noth trägt mancher Mann Sammthosen. (Görlitz.)
Weil die Wochentagshosen zerrissen sind, muss er die feiertäglichen anziehen. Wird hier vielfach gebraucht, wenn man durch irgendeinen Ausputz einen Schaden verdecken will.
5. Aus Noth und Zwang fromm bleibt nicht lange fromm.
6. Auss not muss man bissweilen ein Tugend machen.Gruter, III, 7; Lehmann, II, 37, 77.
7. Ausser der Noth ist gut weiss sein.Petri, II, 30; Gaal, 1328.
8. Besser eine klein Not, denn ein grosser schaden.Fischer, Psalter, 497, 3.
9. D' Neot greint. (Oberösterreich.) – Baumgarten.
Sie macht die Menschen mürrisch, zänkisch.
10. Da ist grosse Noth, viel Kinder und kein Brot.7
Dän.: Det er nød at have børn ok ikke brød. (Prov. dan., 430.)
11. Da ist noch keine Noth, wo ist dürr Fleisch, saurer Wein und schimmlig Brot.
12. Dai van Not to Brot koemt, dat sint de slimmsten. (Grafschaft Mark.) – Woeste, 74, 230.
13. Das ist keine Noth, wenn Brot da ist.
14. De êrste Nôd mut wärd wern, sä jenet ôld Wîv, an verbrenn den Backtrog to 't Süürn. (Süderdithmarschen.)
Der ersten Noth muss gewehrt werden.
15. De îrst Nôd möt kîhrt wârd'n, säd' de oll Frû (oder: jenes Mädle), dorn haugt se 'n Backeltrog intwei un mâkt Süerwâter het. (Mecklenburg.) – Hoefer, 309; Raabe, 103; Schlingmann, 467.
Süerwater = Wasser zum Ansäuern des Brotteigs. – Die erste Noth muss kihrt, gekehrt, d.h. es muss ihr vor allem andern abgeholfen werden. Wenn jemand kleine Hülfe mit grossem Schaden erkauft.
16. De Noth wier't ne, awer de bidderschte Armuoth.Schlingmann, 34.
17. De Nuth dêt (lehrt) der Esel trappe. (Aachen.) – Firmenich, I, 492, 45.
Lat.: Miseris venit solertia rebus. (Gaal, 1222.)
18. Dei van Näut to Bräud kuemet, sind de häuferdigsten (hoffärtigsten, eitelsten). (Westf.)
19. Der die noth für sich hat, der hat gnugsam vrsach seines thuns.Lehmann, 555, 12.
Lat.: Necessitas pro ratione est. (Lehmann, 555, 12.)
20. Der kommt in Nöthen wohl, der bald kommt.Körte, 4578.
21. Der lindert nicht die Noth, der dem Hungernden gibt ein Hemd und dem Nackten ein Brot.
Die Russen: Dem Nackten ein Brot und dem Hungernden einen Mantel schenken. (Altmann VI, 514.)
22. Der Noth guckt der Teufel aus den Augen.
23. Des einen Noth gibt dem andern Brot.
Holl.: Des eenen kwel doet d'ander wel. (Harrebomée, I, 463a.)
24. Die letzte Noth ist doch der Tod.
25. Die not, die lehret ein zu hand, dass man sonst hette kein Verstand.
Lat.: Quae pro parte nocent, plurima saepe docent. (Loci comm., 37.)
26. Die not fürt den, der wil, wer nit wil, den zeucht's beym har.Franck, II, 132a.
27. Die not hat auch morgen brot.Franck, II, 140b; Lehmann, II, 71, 58; Sailer, 72.
28. Die not ist vber alle waffen.Franck, II, 132a; Lehmann, II, 429, 143.
Lat.: Necessitati ne dii quidem resistunt. (Sutor, 997.)
29. Die not macht auch ein alt weib traben. Franck, II, 131b; Gruter, I, 21; Schottel, 1142b; Gaal, 1222.
30. Die not macht füsse.Fischer, Psalter, 21a.
31. Die not wirt einn weg finden.Franck, II, 132a.
32. Die noth, die person vnd die Zeit machen die gebote eng vnd weit.Lehmann, 266, 21 u. 583, 30; Faselius, 34; Simrock, 3528; Körte, 2081; Graf, 388, 526; Braun, I, 765.
Dän.: Nød, person og tijd giør loven eng og viid. (Prov. dan., 429.)
Lat.: Leges humanae non fundantur super impossibile. (Lehmann, 266, 21.)
33. Die Noth dient dem Menschen und bricht das Gesetz.Graf, 389, 542; Henisch, 698, 55.
34. Die Noth geht nie (spät) zu Rüst und weiss nicht, was Bruder und Schwester ist.
Böhm.: Nouze i na macechu vžene. – Nouze není sestra ani bratr. (Čelakovský, 175.)
Lit.: Strokas ne brolis. (Čelakovský, 175.)
35. Die noth gibt der wahr den preiss.Lehmann, 555, 8.
36. Die Noth hat alle Stunden eine Ausgabe.
Böhm.: Nouze všelijak se krčí. (Čelakovský, 175.)
Wend.: Nuza so wšelko huza. – Nuza wšitko zhuza. (Čelakovský, 175.)
37. Die Noth hat Flügel.
Böhm.: Zlí dnové skáčí, nouze učí, a cizí chléb nedá spáti. (Čelakovský, 178.)
38. Die Noth hat keinen Feierabend.Struve, 12.
39. Die Noth hebt einen Wagen auff.Lehmann, II, 71, 56.
40. Die Noth ist erfinderisch.Mayer, II, 75.
41. Die Noth ist nicht faul und nimmt kein Blatt vors Maul.
Dän.: Yderste nød og fare giver frimodig tale. (Prov. dan., 429.)
Engl.: Necessity is coal-black. (Bohn II, 118.)
42. Die Noth kann nicht schweigen. (Ruth.)
43. Die Noth lässt nicht mit sich handeln.
Die Russen: Wo die Noth spricht, da befiehlt sie. (Altmann VI, 486.)
44. Die Noth leret einen reden.Petri, II, 140.
45. Die noth macht, dass der gerechte vnrecht thut.Lehmann, 556, 27; Grubb, 602.
Schwed.: Nöd wåller at goder man giör illa. (Grubb, 602.)
46. Die Noth mag so gross seyn, es gehen tausend Freund auff ein Quentlein.Petri, II, 140.
47. Die Noth treibt den Ochsen in den Brunnen.Simrock, 7576.
48. Die Noth wird einen Weg finden.
Ung.: Mindent ki gondol a' szégenýseg. (Gaal, 1224.)
49. Die Noth zankt gern.Simrock, 7581.
50. Dô ich kôm in Noth, dô wôren alle meine Freine dôd; dô ich kâm in Wohlläben, dô wollen alle meine Freine wären. (Waldeck.) – Curtze, 362, 568.
51. Echte Noth muss man sogleich beweisen. Graf, 444, 392.
Wer einer richterlichen Ladung nicht hatte Folge leisten können, musste, um nicht von den Rechtsfolgen des Ausbleibens betroffen zu werden, dem Gericht bald die Verhinderungsursachen (Krankheit, Ueberschwemmung, Gefangenschaft u.s.w.) glaubwürdig angeben. Man nannte die Umstände, welche das Erscheinen wirklich unmöglich machten: ehehafte Noth. »Die echte not sol man zu hant beweisen.« (Gaupp, 307, 111.)
52. Eine Noth jagt die andere.
Böhm.: Bída bídu plodí. – Bída bídĕ ruku podává. – Žádná psota sama není, jedna ráda druhou honi. (Čelakovský, 174.)
Lit.: Wargas warga prispir'. (Čelakovský, 174.)
53. Einer Noth, die springt, nützt keine Hülfe, die hinkt.
54. Es hat ein jeder seine Noth.
Frz.: Chacun porte sa croix. (Kritzinger, 193a.)
55. Es hat keine Noth, ich stehe schon mit dem Fuss darauf.Megerle.
56. Es ist eine grosse Noth, Wasserflut vnd Feuersgefahr.Petri, II, 260.
57. Es ist genug an der Noth, wenn sie da ist. Tendlau, 819.
Engl.: Sorrow comes unsent.
Lat.: Mala ultra adsunt.
58. Es ist keine Noth so gross, Gott kann geben Hülf' und Trost.
Lat.: Vidi saluatos, prius anxietate grauatos. (Loci comm., 35.)
59. Es ist nichts über die Noth, sie dient dem Nächsten und bricht das Gesetz.
60. Es muss grosse Noth an Männern sein, wenn man den Henker zum Bräutigam nimmt.
Dän.: Det gaaer hart til for denne mand, hvor man sætter bødelen hos brudgommen. (Prov. dan., 106.)
61. Es weiss niemand des andern Noth, der sie nicht selbst erfahren hat.Petri, II, 303.
62. Et hätt gein Nuth, dat en jung Krohl er Uhl jett brengt. (Köln.) – Weyden, II, 14.
63. Fremde Noth gibt den Aerzten Brot.
Dän.: Andres nød giver lægen brød.
64. Fremde Noth ist des Esels Tod.
Span.: Cuidados agenos matan al asno. (Don Quixote.)
65. Für Noth hilfft kein schewen.Petri, II, 321.
66. Gemeinsame Noth macht aus Freunden Feinde.
Dän.: Fælles nød giør venner af uvenner. (Prov. dan., 330.)
67. Gewaffnete Noth muss man mit Waffen vertreiben.Graf, 390, 562; Klingen, 196b.
Gewalt mit Gewalt. (S. ⇨ Gewalt 42 , 44 u. 47; Mann 77 u. 765.)
68. Gleiche Noth macht aus Feinden Freunde.
Schwed.: Nöd giör twungen wänskap. (Grubb, 603.)
69. Grosse Noth lehrt kleine tragen.
Dän.: Af det større nød lærer det mindre at drage. (Prov. dan., 430.)
70. Grosse Noth treibt manchen fort.Seybold, 142.
71. Grosse Noth und Pein lehrt um Hülfe schrein.
Holl.: Het was zulk een nood niet, anders zouden ze wel: help, help! geroepen hebben. (Harrebomée, II, 129a.)
72. Grosse Nöthen, grosse Hülfen.Günnel, Schleswig-Holstein (Zwickau 1865), S. 22.
73. Huast te Nît, se flît, bäs se weder îew're gît. (Siebenbürg.-sächs.) – Schuster, 1103.
74. Ich wollt gern hör'n wo grössre Noth, als wo der Beck selbst wieget das Brod, der Metzger mit im Rath will sein, der Burgemeister schenket Wein, der Wucherer sitzt obenan, der Arm allhie die Haar muss lan.
Angeblich aus einer Handschrift von 1549. (Vgl. Plauderstübchen, 1863, Nr. 10.)
75. In der not leeret man die waren freund erkennen.Tappius, 103b; Lehmann, II, 279, 51.
Dän.: I nød prøves troe og dyd. (Prov. dan., 430.)
Lat.: In discrimine apparet qui vir sit. (Binder I, 728; II, 1221; Philippi, I, 193; Seybold, 237; Sutor, 467.)
76. In der not spürt (erkennt) man den freund. Franck, I, 116b u. 142a; Herberger, II, 74; Broma, 7.
»In der not allezeit behend die guten freund man bald erkent.« (Loci comm., 5.) Bei Tunnicius (596): In der nôt sal men de vrunde merken. (Rebus in adversis vere cognoris amicum.)
Mhd.: Niemen weiz wâ er friunde hât, wann soz an lîp und êre gât. (Freidank.) (Zingerle, 39.)
Böhm.: V nouzi a potřebĕ přítele poznati. (Čelakovský, 231.)
Frz.: Au besoin l'on connaît l'ami. (Bohn I, 6.)
Holl.: In der noot besoect men vrienden. (Tunn., 15, 1.)
It.: Conoscon gl' infelici quali siano i veri amici. – Nell' avversità si conoscono gl' amici. (Pazzaglia, 8 u. 24.)
Lat.: Dum tribulor gravius, tunc nosco quis sit amicus. (Fallersleben, 430; Loci comm., 5.) – Pondus amicitiae tristia sola probant. (Mone, Rein. Vulpes, Stuttgart 1832, I, 800.)
Schwed.: Nöden giör bästa wäneprof. – Nöden pröfwar wänskap. (Grubb, 397, 601 u. 878.)
77. In der Noth denkt man nicht an Handmanschetten.
Böhm.: V nouzi poznáváme, co zbytečnýck potřeb máme.(Čelakovský, 177.)
Poln.: W nędzy łacno poznawamy, jak wiele zbytnych rzeczy miewamy. (Čelakovský, 177.)
78. In der Noth erkennt man den Werth vom Brot.
79. In der Noth erkennt man, der ein Mann ist. Sutor, 467.
Lat.: Vir in discrimine apparet. (Binder I, 1856; II, 3559; Manutius, 961; Sutor, 467; Seybold, 636.)
80. In der Noth frisst der Teufel Bürgermeister. Schles. Provinzialbl., 1866, 429.
Bis auf Dorfschulzen scheint sich sein Appetit nicht zu steigern.
81. In der Noth frisst der Teufel Fliegen und fängt sie wol auch noch selber.
1) Und der Pariser – Ratten, fügte die Allgemeine Familienzeitung 1870 bei. – Im Kreise Militsch in Schlesien: Ei der Nauth frisst der Teufel Fliegen und fäungt se au no salber.
Böhm.: Dobrá psu moucha, chlapovi řepa. (Čelakovský, 189.)
82. In der Noth frisst ein armer Teufel auf Pump.Dresdener Nachrichten, 1869.
83. In der Noth gehen funfzig (hundert) Freunde auf ein Loth.
Böhm.: V nouzi přátel snadno padesát na lot se vejde. (Čelakovský, 234.)
Kroat.: Priatelov vu sili petdeset lehko stane na lot. (Čelakovský, 234.)
Lat.: Tempore felici multi mumerantur amici, si fortuna perit, nullus amicus erit. (Binder II, 3305; Schreger, 56.)
84. In der Noth greift man in Dreck, fehlt es an Speck, sagte Peter Möffert als er im Gerinne lag.
Holl.: In den nood grijpt men zoowel naar een' stront als naar een' puthaak, zei Dries, en hij lag in het water. (Harrebomée, II, 129a.)
85. In der Noth isst man Afterkuchen und nimmt sogar mit weizenem fürlieb. (Neumarkt in Schlesien.)
86. In der Noth isst man Pastetenrinde für Brot.Simrock, 7590.
Jüdisch-deutsch in Warschau: »Var Noth esst män weiss Brot«, wie man in solchem Falle an Wochentagen die Sonntagskleider anlegt.
87. In der Noth isst man Pumpernickel für Brot.
Holl.: In nood is alle ding brood. ( Harrebomée, II, 129.)
It.: A tempo di carestia pan veccioso.
88. In der Noth ist ein Nachbar besser als ein Bruder in der Ferne.
Holl.: In den nood is een getrouw gebuur beter dan een broeder, die verre is. (Harrebomée, II, 129a.)
89. In der Noth ist guter Rath theuer.
90. In der Noth klopft der Mann bei den Freunden an.
Holl.: In den nood bezoekt men de vrienden. (Harrebomée, II, 129a.)
91. In der Noth lernt man den Mann kennen. Broma, I, 7.
Holl.: De nood doet ook versaagde knechten met groote kracht en ijver vechten. – De nood toont den man. (Harrebomée, II, 128b.)
92. In der Noth macht man aus einem Strohhalm einen Zahnstocher.
93. In der noth muss man das schamhütlein abziehen.Gruter, III, 55; Lehmann, II, 284, 47; Körte, 4601; Braun, I, 3082.
Manches thun und ertragen, was man unter andern Umständen nicht gethan und ertragen haben würde.
Böhm.: Ostydlost jest také živnost. – V nouzi stud na stranu. (Čelakovský, 121.)
Dän.: Nød sætter blusel til side. (Prov. dan., 430.)
Holl.: Nood moet de schamschoenen aan eene zijde zetten. (Harrebomée II, 129b.)
It.: Dove non bisogna non si deve haver vergogna. (Pazzaglia, 460, 7.)
Lat.: In vota miseros ultimus cogit pudor. – Non habitant una pudor et fames. (Quinct.) – Rebus semper pudor absit in arctis. (Val.) (Philippi, I, 209; II, 38 u. 151; Seybold, 523.) – Verecundia inutilis viro egenti. (Binder I, 1833; II, 3510; Erasm., 799; Tappius, 39a; Fischer, 231, 33; Hauer, 11; Philippi, II, 245; Seybold, 625.)
Schwed.: Nöd giör näsewijs. (Grubb, 600.)
94. In der noth nimbt man ein Dieb vom Galgen; wenn man sein nicht mehr bedarf, henckt man jhn wieder dran.Lehmann, 557, 52; Lehmann, II, 409, 28; Schulze, 100; Tendlau, 797.
95. In der Noth nimmt man Gnade für Recht.
Holl.: In den nood is genade beter dan regt. (Harrebomée, II, 129a.)
96. In der Noth schmeckt jedes Brot.
Schwed.: Nöd wällier intet bröd. (Grubb, 603.)
97. In der Noth seind alle güter gemein.Lehmann, 555, 22; Luther, 39; Eisenhart, 184; Hillebrand, 191, 272; Eiselein, 496; Pistor., V, 12; Simrock, 7579; Graf, 389, 551.
Der Zustand der Noth, will das Sprichwort lehren, stellt die Gemeinschaft der Güter wieder her; und derjenige begehe keinen Diebstahl, welcher z.B. um den Hunger zu stillen, der das Leben bedroht, die Lebensmittel anderer angreife. Das Sprichwort findet z.B. seine Anwendung in einer allgemeinen Hungersnoth, wenn die Obrigkeit nicht mehr im Stande ist, den Nothleidenden zu helfen.
Holl.: In den nood zijn alle goederen gemeen. (Harrebomée, II, 129a.)
Lat.: Necessitas magnum humanae imbecillitatis patrocinium, omnem legem frangit. (Eiselein, 496.) – Profanat quasvis res sacras necessitas.
98. In der Noth sind die Freunde todt.
Mhd.: Wenne ez gât an rechte nôt, so sint die vriund alle tôt. (Boner.) (Zingerle, 39.)
99. In der Noth tanzt man mit Huren.
100. In der Noth werden milde Gaben klein (rar).
Böhm.: Drahá almužna v čas nouze. (Čelakovský, 44.)
101. In fremder Noth hat man alle Taschen voll Rath, in eigener findet man in keiner wat.
Böhm.: V cizí bídĕ i bobem poradím, a vlastní se ani rozumem nezbavím. (Čelakovský, 285.)
102. In grosser Noth gibt oft ein Narr den besten Rath.Lehmann, 531, 48.
103. In noten erkennt man freunt.Hofmann, 30, 41.
Frz.: Au besoin l'on connoit l'ami, s'il est feint, entier ou demi. – Au goûter les faveurs se connoissent. (Kritzinger, 68a u. 354.)
104. In nöten lernet man die heimlichen Feinde kennen.Petri, II, 405.
105. In Nöten spannet man an, was man hat. Petri, II, 405.
106. In Noth leben wir, in Klag sterben wir. Petri, I, 62.
107. In nöthen es oft geschicht, das einer viel verspricht.Henisch, 1535, 63.
108. In Nöthen geht die Liebe flöten.
Lat.: Non habet unde suum paupertas pascat amorem. (Gaal, 1100.)
109. In nöthen sieht man, wer ein mann ist. Gruter, I, 51; Petri, II, 405; Körte, 4577; Simrock, 7592.
Lat.: Grande doloris ingenium est miserisque venit solertia rebus. (Ovid.) – Ingenium res adversae nudare solent, celare secundae. (Philippi, I, 170 u. 197.)
110. Inne Noet is Roddo (?) oek in Fisch.Engelien, 219, 74.
111. Ist die Noth zu Ende, kommt der Tod behende.Körte, 4599.
Holl.: Als de nood overwonnen is, volgt de dood. (Harrebomée, I, 128b.)
112. Ist man aus aller Noth, dann kommt der Tod.Schmitz, 185, 38; Mayer, II, 76; Schulfreund, 86, 70.
113. Je grösser die Noth, je nöthiger ist das gebet.Henisch, 1387, 26.
114. Je grösser noth, je neher Gott.Lehmann, 555, 6; Eiselein, 495; Körte, 4598; Körte2, 5722; Simrock, 7585; Herberger, Hertzpostille, I, 58; Fischer, Psalter, 65a; Braun, I, 3079.
Dän.: Jo større nød, jo nærmere God. (Prov. dan., 430.)
Engl.: God comes at last, when we think he is farthest of. (Körte, 4598.)
Holl.: Hoe grooter nood, hoe naderbij God. (Harrebomée, II, 129.) – Hoe treuriger lot, hoe digterbij God. (Harrebomée, II, 38.)
Schwed.: Nöd pröfwar mood. (Grubb, 602.)
Ung.: A' legnagyobb szükségben legközelebb az Isten.
115. Je grösser Noth, je stärcker gebet.Henisch, 1387, 27.
116. Je näher Noth, je sicherer die Leute. Körte2, 5773.
117. Kein Noth von Brot, fîf gebacke on sêwe sull (schuldig).Frischbier2, 2801.
118. Klein Noth – Kleinod.
Lat.: Magnum malum non posse ferre malum. (Sutor, 1002.)
119. Kommt die Noth zur Thür ins Haus, so springen die Freunde zum Fenster hinaus.
Böhm.: Když jde nouze do domu, jde láska z domu. (Čelakovský, 242.)
Wend.: Dyž nuza (khudoba) s durjemi do-jstwy dže, dha pśećejo s woknami wón skakaju. (Čelakovský, 242.)
120. Kommt man aus der Noth, so kommt der Tod.Bücking, 136; Simrock, 7562; Braun, I, 3080.
121. Kempffestu in Noth, so hilfft dir Gott.Petri, I, 65.
122. Kümt man ut der Noth, sau kümt de leiwe Dad. (Hannover.) – Schambach, I, 39.
Hat man es durch unsagliche Anstrengungen so weit gebracht, sich eines behaglichen Alters erfreuen zu können, so wird man vom Tode abgerufen.
123. Lange noth vnd langes Gebet gehören zusammen.Herberger, II, 343.
124. Mach aus der not ein tugent.Franck, I, 68b u. 158a; II, 192a.
125. Man kann wol Wasser trinken in der Noth, aber aus Kies nicht backen Brot.
Holl.: Men kan in nood wel water drinken, maar geen aarde eten. (Harrebomée, II, 129a.)
126. Man muss aus der Noth eine Tugend machen, sagte der Pater, als er nicht mehr ins Kloster konnte, und bei der Beschliesserin über Nacht blieb.Klosterspiegel, 13, 18; Körte2, 5753.
127. Man muss aus der Noth eine Tugend machen, sagte Schussbartel, und pisste in die Mütze.
Holl.: Het is om de gereedheid gedaan, zei malle kees, en hij p ... in zijne muts. (Harrebomée, I, 230a.)
128. Man muss die Noth ertragen und nicht darüber klagen.
Lat.: Necessitatem ferre, non flere addecet. (Publ. Syr.) (Binder II, 2028.)
129. Man muss in der Noth den Muth nicht verlieren (die Hoffnung nicht sinken lassen).
Böhm.: V bídĕ nezoufej, v boha doufej. (Čelakovský, 12.)
130. Man muss offt aus der Noth ein Tugend machen.Lehmann, 555, 15; Lehmann, II, 401, 1; Trinius, 3; Eiselein, 495; Simrock, 7586; Körte, 4580; Sailer, 283; Steiger, 45; Struve, 2; Gaal, 1227; Tscherlow, 185; Parömiakon, 1080, 1084 u. 2207; Mayer, II, 76; für Waldeck: Curtze, 354, 490.
Man muss sich oft in der Noth zu etwas entschliessen, was man ohne dieselbe weder thun noch gut heissen würde. »Wenn du auch zehnmal lieber einem Braten auf den Leib gehen möchtest, ab einer Kartoffelschüssel, wo bliebe aber das schöne Sprichwort: Man muss aus der Noth eine Tugend machen.« (Weber, Demokritos, I, 143.) »Was nur aus reiner Noth passirt, wird nie für schimpflich declarirt.« (Eiselein, 496.) »Ich lebe, wie mir die Noth gebeut, nicht nach dem Willen andrer Leut.«
Dän.: Man giør af nød en dyd. (Prov. dan., 430.)
Engl.: Make a virtue of necessity. (Gaal, 1227; Bohn II, 139.)
Frz.: Il faut faire de nécessité vertu. (Gaal,
1227; Lendroy, 1066; Bohn I, 18; Masson, 267.)
It.: Bisogna far della necessità virtù. (Gaal, 1227; Pazzaglia, 241, 1.) – Conviene tornar la necessità in volontà.
Lat.: Feras, non culpes, quod mutari non potest. (Chaos, 1041; Franck, I, 68b.) – Necessitati parendum est. (Cicero.) (Binder II, 2029; Seybold, 332.) – Necessitati parere semper habitum est sapientis. (Fischer, 145, 16; Philippi, II, 10.)
Poln.: Gdy szyby niemasz, choć wiechćiem okno zatkaj. – Kto niema konia, niech piechotą chodzi. (Masson, 267.)
Schwed.: Af nöd giörs ofta en dygd. (Grubb, 6; Törning, 42.)
Ung.: Ha temén nem te lik, lisztel is áldoznak. (Gaal, 1227.)
131. Man muss seine Noth nicht jedem klagen.
132. Man nimbt zur noht ein Dieb vom Galgen. Gruter, III, 66.
133. Mennt mer, mer wör us d'r Not, dann könnt (kommt) d'r fâle Dot. (Düsseldorf.) – Firmenich, I, 438, 6.
134. Na, er wird auch seine liebe Noth mit ihr haben, sagte der Bauer, als der Pfarrer ihn tröstete, dass Gott sie zu sich genommen habe.
135. Na överwunnener Näut küemet de bittere Däut.
136. Nâd brekt Îsen.Schambach, I, 108.
137. Nâd lärt bäen. (Hannover.) – Schambach, I, 106.
138. Nâd lêrt bäen, Baddelêr lêrt Büelflicken. Schambach, II, 10.
Noth lehrt Beten, Bettler lernt Beutel flicken.
139. Niemand kam je in Noth, er half selbst dazu.Schottel, 1135a.
Holl.: Niemand kwam in nood, of hij bragt er zich zelven. (Harrebomée, II, 129.)
140. Nît säkt Brît. (Siebenbürg.-sächs.) – Schuster, 435.
141. Noht lernet betten.Gruter, III, 73; Chaos, 692; Lohrengel, I, 550.
Lat.: Christo quando datur res, spes bona tunc tribuatur. (Sutor, 997.) – Necessitas est orationis magistra (Grubb, 598.)
142. Noht lernet schwimmen.Gruter, III, 73.
143. Nôt an Mann, Mann vöran. (Lübeck.) – Deecke, 11; Simrock, 7591.
144. Not bricht eisen.Franck, I, 75a; II, 131b; Tappius, 230a; Eyering, III, 272; Petri, II, 500; Lehmann, 555, 23; Lehmann, II, 429, 135; Henisch, 863, 1; Latendorf II, 23; Hauer, Liij; Hollenberg, I, 41; Bücking, 16; Eiselein, 495; Simrock, 7575; Körte, 4582; Körte2, 5756; Gaal, 1225; Müller, 46, 2; Sailer, 180; Graf, 389, 535; Lohrengel, I, 548; Steiger, 365; Struve, 12; Schameliu, 100, 9; Meyer, II, 75; Schulze, 100; Tendlau, 797; Braun, I, 3068; für Henneberg: Frommann, II, 411, 132; für Waldeck: Curtze, 354, 489; Sperb, I, 250; schlesisch bei Gomolcke, 808; Frommann, III, 247, 224.
Im Plattdeutschen: Nod brikt Isen. (Marahrens, 97.) Bisweilen noch mehr als Eisen; sie bricht auch den menschlichen Willen, bricht Eigensinn und Vorurtheile. (Gaal, 1226.) An der erbrochenen Armenbüchse in Frankfurt a.M. fand man einen Zettel mit den Worten: »Noth bricht Eisen, die Armenbüchse kann's beweisen.«
Mhd.: Man twinget einen harten vlins, daz er clieben muoz durch not. (Livl. Chron.) (Zingerle, 109.)
Böhm.: Moc železo láme. (Čelakovský, 282.)
Holl.: De nood dwingt. (Harrebomée, II, 128b.) – Nood breekt ijzer. (Bohn II, 335; Harrebomée, II, 128a.)
Lat.: Adversum necessitatem ne dii quidem resistant. (Schamelius, 100, 9.) – Efficacior omni arte necessitas. (Philippi, I, 130.) – Ingens telum necessitas. (Binder I, 747; II, 1509; Eiselein, 495; Erasm., 665; Hauer, 188; Philippi, I, 179; Schamelius, 100, 9; Seybold, 243; Sutor, 153; Tappius, 130a) – Necessitas durum telum. (Binder II, 1509; Froberg, 464; Schamelius, III, 100; Schonheim, N, 6; Seybold, 332.) – Necessitas ultimum ac maximum telum. (Livius.) – Necessitati ne dii quidem resistant. (Philippi, II, 9; Seybold, 332.) – Voluntas tollitur ubi necessitas est. (Chaos, 1083.)
Schwed.: Nöd bryter järn och stääl. (Grubb, 599.)
Ung.: A szükség vasat tör. (Gaal, 1225.)
145. Not gewint brot, aber nit got.Franck, II, 6a; Lehmann, II, 429, 139; Körte, 4591.
146. Not hat kein gebot (Gesetz).Franck, II, 131b; Gruter, I, 62; Egenolff, 143b; Petri, II, 500; Henisch, 1560, 26; Lehmann, 554, 1 u. 555, 21; Trinius, 3; Lehmann, II, 429, 149; Hollenberg, II, 10; Luther, 72; Hermann, I, 4; Hertius, II, 3, 419; Pistor., IV, 34; VI, 88; Gaal, 1226; Eisenhart, 459; Eiselein, 495; Hillebrand, 188, 288; Simrock, 7559; Körte, 4587; Sailer, 47; Siebenkees, 43 u. 44; Graf, 388, 527; Ramann, I. Pred. II, 181; Ramann, Unterr., IV, 6; Fischer, Psalter, 320, 2; Steiger, 25; Schulze, 100; Frischbier, 549; für Hannover: Schambach, II, 328; für Waldeck: Curtze, 353, 488; ostfriesisch bei Bueren, 917.
In Pommern: Nôd hett kên Gebod. (Dähnert, 330b). Nach diesem Sprichwort soll dasjenige für kein Verbrechen gehalten werden, was jemand aus einer unvermeidlichen Nothwendigkeit begeht, obgleich es den Gesetzen entgegen ist, und wird damit die Uebertretung eines jeden Gesetzes entschuldigt, immer vorausgesetzt, dass der Mensch durchaus nicht anders handeln kann. (S. Nothrecht, Nothstand und ⇨ Nothwehr.) Die Welschen nennen einen ungelehrten Juristen einen Doctor der Noth, Doctorem necessitatis. »Ein vngelehrter Juriste weiss sich ebenfalls mit den Gesetzen nicht zu befas-
sen.« (Gryphius, 59.)
Böhm.: Nouze (síla) kola lomí. – Nouze železo láme. – Nouze zvůle nemá. (Čelakovský, 348.)
Dän.: Nød bryder alle love. (Bohn I, 393.)
Engl.: Necessity has no law. (Gaal, 1226; Marin, 22.)
Frz.: La nécessité contraint la loi. (Gaal, 1226; Loysel, 870.) – Nécessité n'a point de loi. (Gaal, 1226; Lendroy, 921.)
Holl.: Nood heeft geen wet. – Nood lijdt geen gebod. (Harrebomée, II, 129b.)
It.: Necessità non hà legge. (Gaal, 1226; Pazzaglia, 241, 5.)
Kroat.: Sila i železo tere. – Sila tere kola. (Čelakovský, 340.)
Lat.: In necessitate cuncta sunt licita. – Necessitas ante rationem. (Curtius.) (Binder II, 2027; Philippi, II, 9.) – Necessitas frangit durum legem. (Schamelius, 100, 9.) – Necessitas non habet legem. (Chaos, 974.)
147. Not hat kein scham.Franck, II, 45b.
148. Not hat keinn feiertag (Feierabend). Franck, II, 131b; Gruter, I, 62; Lehmann, 557, 42; Petri, II, 500; Eiselein, 495; Sutor,
699; Mayer, II, 75; Körte, 4569; Simrock, 7574; Braun, I, 3077.
Lat.: Necessitas caret feriis. (Chaos, 974.)
149. Not hüt vbel.Franck, II, 6a; Lehmann, II, 429, 142.
150. Not sucht brot.Franck, I, 75b u. 81b; II, 45b u. 113b; Egenolff, 106b u. 211a; Petri, II, 501; Henisch, 523, 48; Lehmann, 554, 1; Latendorf II, 9 u. 23; Pistor., VIII, 42; Gruter, I, 62; Schottel, 1127a; Eiselein, 495; Blum, 612; Mayer, II, 75; Sailer, 70; Körte, 4587; Masson, 264.
Noth und Elend machen die Menschen gewöhnlich an Leib und Seele zugleich schmuzig.
Dän.: Nød søger brød, enten at tiene, tigge eller stiele det. (Prov. dan., 430.)
Frz.: Nécessité est une dure loi.
Holl.: Nood zoekt brood. (Harrebomée, II, 129b.)
Schwed.: Nöd söker bröd. (Grubb, 601.)
151. Not sucht brot, wo sis findt.Franck, II, 75a; Simrock, 7563; Hillebrand, 191, 270; Graf, 389, 550.
Lat.: Pasce fame morientem; si non pavisti, occidisti. (Sutor, 623.)
152. Not un Zît maken from Lüt.
It.: Bisogna fa prod' uomo. (Gaal, 1221.)
153. Noth bäckt aus allem Brot.
Holl.: De tout grain en necessité pain. (Leroux, I, 50.)
154. Noth bricht alle gebot.Mathesy, 289a.
155. Noth bricht dz Gesetz.Lehmann, II, 423, 150; Petri, II, 500.
»Not unde dwank brikt eide unde truwe.« (Lübben, Reineke de vos, 4649.)
Holl.: Nood breekt eed. (Harrebomée, II, 129a.)
Schwed.: Nöd bryter lag. (Grubb, 598.)
156. Noth bricht Eisen, sagt der Bauer, wenn er die Kühe anspannen muss. (Oberlausitz.)
157. Noth bricht Eisen, sagte der Benedictiner, als er bei einem gewissen Besuche vor Eile den Gürtel zerriss.Klosterspiegel, 54, 22.
158. Noth bricht Eisen, sagte Tschakert, als er die Kirschbäume fällte. (Kamnitz in Nordböhmen.)
159. Noth bricht Eisen und macht grobe Speisen.
160. Noth bricht Eisen und Vertrag.Eiselein, 495.
Mhd.: Wan als uns sagent die wîsen, daz nocht nôt bricht daz îsen. (Frauentreue.)
161. Noth bricht Recht.Graf, 389, 536; Petri, II, 500.
Isl.: Naudshyn brytr lög. (Jonssyn, 239.)
162. Noth brickt Isen, ick kann 't bewisen, söä de Handwarksbursch, doa har in 't Bedd schöäten.Schlingmann, 592; hochdeutsch bei Hoefer, 411.
163. Noth bringt (treibt) auch den frommen Mann oft auf eine falsche Bahn.
164. Noth bringt Brot, aber nicht Gott.
165. Noth bringt gute Wort.Lehmann, II, 429, 136.
166. Noth bringt nicht stets den Tod.
Holl.: Het is niet al verloren, dat in nood is. (Harrebomée, I, 129a.)
167. Noth bringt Rath.Eiselein, 495.
Dän.: Nød giver mod og raad. (Prov. dan., 430.)
Lat.: Inventrix consiliorum necessitas est. (Seybold, 256.)
168. Noth darf für Worte nicht sorgen.
Schwed.: Nöd lärer tala. (Grubb, 598.)
169. Noth dringt ängstlich zu schwitzen.Sailer, 180.
170. Noth findt Brot.Winckler, V, 47.
Ueber den in Hamburg gestorbenen Pastor Noodt enthielt eine Zeitung folgende sprichwörtliche Charakteristik: »Als Noodt studirte, war er ein wilder Bursche und hatte mehrere Duelle zu bestehen; man sagte deshalb von ihm: «Noodt bricht Eisen.» Nach bestandenem Examen kannte er beim Genuss der Freuden des Lebens keine ängstlichen Rücksichten. Die böse Welt flüsterte hinter seinem Rücken: ›Noodt kennt kein Gebot.‹ Als er in Hamburg angestellt wurde, hiess es: ›Noodt findt Brot.‹ Er wurde dort ein tüchtiger Pastor, und nun sagte man: ›Noodt lehrt beten‹.«
Holl.: De nood vindt brood. (Harrebomée, II, 128b.)
171. Noth fördert den Willigen, den Unwilligen zieht sie beim Haar.Körte, 4592.
Holl.: Nood gebiedt. (Harrebomée, II, 129b.)
172. Noth fragt nicht nach dem Sonn(oder: nach keinem Heiligen-)Tage.
Schwed.: Nöd achter ingen kyrkiodag. (Grubb, 603.)
173. Noth frisst Hobelspäne.Auerbach, Dorfgeschichten, II, 57.
174. Noth führt den, so will, und zeucht den, so nicht will.Eiselein, 495.
Lat.: Ducunt volentem, fata nolentem trahunt. (Eiselein, 495.)
175. Noth führt zu Gott.Parömiakon, 2412.
Lat.: Necessitas plus posse, quam pietas, solet. (Seybold, 332.)
Ung.: A' szükség faragta az Isteneket is. (Gaal, 1220.)
176. Noth gehet für Höflichkeit.Petri, II, 500.
177. Noth gehet nicht jrr.Lehmann, II, 429, 140; Simrock, 7565; Körte, 4585; Braun, I, 3076.
178. Noth gibt (schafft) den Aerzten Brot.
Schwed.: Nöd gier Läkiaren bröd. (Grubb, 602.)
179. Noth gibt Kraft.
Holl.: De nood geeft kracht. (Harrebomée, II, 128.)
180. Noth gibt viel Dieb.Lehmann, II, 429, 141.
181. Noth greift nach Nachbars Brot.
Dän.: Nød volder at god mand giör ondt. (Prov. dan., 450.)
182. Noth hängt den Kopf.
Macht muthlos, kleinlaut, schüchtern, verzagt.
Böhm.: Nouze i moudrého nesmĕlým činí. (Čelakovský, 151.)
183. Noth hat Gefahr und macht den Preis der Waar'.
Dän.: Nød sætter priis paa varene. (Prov. dan., 430.)
184. Noth hat (kennt) kein ergerniss.Petri, III, 500; Körte, 4588.
185. Noth hat kein Gebot, sagte Hans, und kämmte sich mit der Gabel.Hoefer, 421.
186. Noth hat kein Recht.Petri, II, 500.
187. Noth hat keine Ordnung (Regel).Graf, 388, 528.
»Die Gesetze binden den einzelnen nur in so lange, als die gewöhnliche Ordnung der Dinge aufrecht erhalten bleibt, unter deren Voraussetzung ihnen verbindliche Kraft verliehen worden ist. Ausserordentliche Ereignisse können die Kraft der Gesetze schwächen, sogar ausser Wirksamkeit setzen. In den äussersten Nothfällen hört das Eigenthum auf, und die Menschen fallen in ihren natürlichen Zustand zurück.«
188. Noth hat keine Schand oder Schemen. Petri, II, 500.
189. Noth hat keinen Dieb.Lehmann, 554, 1.
190. Noth hat keinen Herren noch Keyser.Lehmann, 557, 42.
191. Noth hat scharfe Zähne.
Die Litauer sagen: Die Noth ist kein Bruder. (Stroks ne Brolis.) (Wurzbach I, 299, 320.)
Holl.: De nood heeft scherpe tanden en bijt fel. (Harrebomée, II, 128b.)
192. Noth hebt der Katze die Pfot'.
Holl.: Uit nood roert de kat haar poot. (Harrebomée, II, 129b.)
193. Noth hebt ein Wagen auff.Lehmann, 554, 1; Simrock, 7572; Körte, 4584; Sailer, 180; Braun, I, 3069.
194. Noth hilfft für kein schewen.Petri, II, 500.
195. Noth holt gên Gebot.Hauskalender, I.
196. Noth im Haus treibt die Liebe 'naus.
Engl.: When poverty comes in at the doors, love leaps out at the windows.
197. Noth ist bald vergessen.
Schwed.: Nöd glömmer waal. (Grubb, 602.)
198. Noth ist das beste Schloss.
Holl.: Nood is de sterkste vesting. (Harrebomée, II, 129a.)
Lat.: Si feliciter cadat Martis alea, exile est lucrum; sin secus ingens est damnum. (Sutor, 45.)
199. Noth ist der bittere Tod.
Holl.: De nood is de bittere dood. (Harrebomée, II, 128b.)
200. Noth ist der Freundschaft Tod.
Die Russen: Noth ist ein Hammer, der das Eisen der Freundschaft zerschlägt. (Altmann VI, 504.)
201. Noth ist der Künste Mutter.
Aber schwerlich die Pflegerin derselben. Nach dem Zeugniss der Geschichte waren nur Reichthum und die dadurch dem einzelnen gegebene Musse der gedeihliche Boden für Kunst und Wissenschaft, sodass kein Volk eher darin etwas leistete, als bis diese Musse eintrat, und dass die Lakedämonier, denen Lykurg's Gesetze das Reichwerden unmöglich machten, auch in Kunst und Wissenschaft weit zurückblieben. Nur wo die vom Reichthum geborene Muse wohnte, schlugen die Musen ihren Wohnsitz auf. (Bretschneider, Saint-Simonismus, S. 65.) Die Russen: Noth ist der Erfindung Mutter. (Altmann VI, 484.)
Frz.: La nécessité est la mère de l'invention. (Bohn I, 40; Kritzinger, 401a.)
It.: La necessità è madre dell' invenzione. (Gaal, 1224.)
Lat.: Ingenium mala saepe movent. (Gaal, 1224.)
202. Noth ist der sechste Sinn.Harsdörfer, Schauplatz, VI, 95.
203. Noth ist ein bitter Kraut.Schottel, 1135a; Eichwald, 1412.
Holl.: Nood is een bitter kruid. (Harrebomée, II, 129b.)
It.: La necessità è un herb' amara. (Pazzaglia, 241, 2.)
204. Noth ist ein böser Gast.Petri, II, 500.
205. Noth ist ein geschickter Mann.
Der sich weiss zu stellen, als ob er mit gutem Willen thäte, was er thun muss.
206. Noth ist ein grosses Kreuz.
Holl.: Nood is een groot kruis. (Harrebomée, II, 129b.)
207. Noth ist ein guter Lehrmeister.
Frz.: Nécessité est une dure maîtresse.
Kroat.: Nevolja svučemu človeku nauči.
Lat.: Necessitas magistra. (Erasm., 663; Philippi, II, 9; Seybold, 332.)
Poln.: Mus najlepszy bywa nauczyciel. (Čelakovský, 281.)
Schwed.: Nöden är den bästa lärmästaren. (Wensell, 60.)
208. Noth ist ein harter Bissen.
Schwed.: Nöden är ende kost. – Nöden är hard at pågå. (Grubb, 599.)
209. Noth ist eine schwere Last.Petri, II, 50.
210. Noth ist kunstreich, sie kann die schlechtesten Dinge kostbar machen.Eiselein, 495.
211. Noth ist mannbar.
212. Noth ist Meister.Lehmann, 554, 1; Körte, 4583.
Ung.: Nagy mester a' nyomoruság. (Gaal, 1221.)
213. Noth ist stärker als der Tod.
Holl.: Nood is sterker dan de dood. (Harrebomée, II, 129b.)
214. Noth ist von Eichen, lässt sich durch Wort' und Thränen nicht erweichen.
Böhm.: V bídĕ netřeba plakati, leč po léku se ptáti. – Ženský to obyčej slzami bídĕ pomáhati. (Čelakovský, 178.)
215. Noth kann man nicht meiden, aber vberwinden.Lehmann, II, 434, 81.
Engl.: Need will have its course. (Bohn II, 188.)
216. Noth kehrt sich an kein Programm, sie brät' statt des Hasen ein Lamm.
217. Noth kennt kein Gebot.Latendorf II, 23; Hillebrand, 188, 268; Steiger, 12; Körte, 4588; Körte2, 5762; Mayer, II, 75; Graf, 388, 532; Braun, I, 3075.
Die Russen: Noth macht mehr Diebe als Beter.
Böhm.: Mus žádné výmluvy nepřijímá. (Čelakovský, 282.)
Dän.: Trang og nød bryde tro og ed. (Bohn I, 401.)
Engl.: Necessity has no law. (Bohn II, 118.)
Frz.: Nécessité contraint la loi. (Kritzinger,
169a; Starschedel, 432.) – Nécessité n'a loy. – Nécessité n'a point de loi. (Bohn I, 40; Kritzinger, 425; Starschedel, 432; Masson, 267.)
Holl.: Nood breekt wet. (Bohn I, 335.)
It.: Necessità non ha legge. (Bohn I, 111; Masson, 266.)
Lat.: Etiam innocentes cogit mentiri dolor. (Publ. Syr.) (Philippi, I, 139.) – Necessitas lege caret. (Bovill, II, 138; Binder I, 1070; Froberg, 453; Philippi, II, 9.) – Necessitas tollit arbitrium. (Fischer, 143, 14.)
Poln.: Potrzeba prawa nie zna. (Masson, 266.) – Przeciwko musisz niemasz wymowki. (Čelakovský, 282.)
Schwed.: Nöd bryter lofwen. (Grubb, 266.) – Nöden har ingen lag. (Marin, 22; Rhodin, 103; Wensell, 60.) Bei Grubb (599) mit dem Zusatz: ilhan ond.
Ung.: Nincsen a' szükségnek szabott törvenge. (Gaal, 1226.)
218. Noth kennt kein Gebot, sagte der (Herbergs-) Gast, als er (in der Nacht) den Tischschub (Stiefel) als Nachtgeschirr gebrauchte. (Oberlausitz.)
219. Noth kennt kein Gebot, sagte der Teufel, und rasirte sich mit der Feuerzange.Schles. Morgenblatt, Nr. 144, S. 4.
220. Noth kennt nicht Scherz und hat kein Bruderherz. (Böhm.)
221. Noth kommt in Centnern ohne Boten und geht kaum fort in Lothen.
Die Russen: Pudweis kommt das Elend, pfundweis zieht es ab. (Altmann VI, 442.)
222. Noth leert volle Taschen.
Schwed.: Nöden och tarfwen öpna fulla taskan. (Grubb, 628.)
223. Noth lehret all Ding.Lehmann, II, 291, 151.
224. Noth lehret den Beeren Tantzen.Lehmann, 554, 1; Lehmann, II, 429, 114; Gaal, 1221; Körte, 4586; Simrock, 7568.
Frz.: Nécessité est de raison la moitié.
Lat.: Ignaviam necessitas acuit. (Gaal, 1220.)
Schwed.: Nöd lärer biörnen danza. (Grubb, 603.)
Ung.: Ha a' tó kiszarad, magátúl is kiugrik a' béka. (Gaal, 1223.)
225. Noth lehrt arbeiten.
It.: Il bisogna insegna altrui operare.
226. Noth lehrt auch den Lahmen tanzen.Simrock, 7596; Sailer, 180.
Schwed.: Nöd lärer haltan man springa. (Grubb, 603.)
227. Noth lehrt aus der Hand trinken.
Böhm.: Naučí bída kouzliti, když není co na zub vložití. – Naučí bída popiti, když se není čeho chopiti. (Čelakovský, 177.)
Holl.: Die nood heeft, moet pompen. (Harrebomée, II, 128b.)
228. Noth lehrt beten (schaffen).Petri, II, 501; Henisch, 339, 51; Lehmann, II, 434, 77; Hollenberg, II, 50; Pauli, Postilla, 336b; Blum, 74; Beier, 168; Bücking, 7; Eiselein, 495; Müller, 46, 1; Gaal, 1230; Simrock, 7564; Sailer, 221; Steiger, 12; Chemnitius, 331; Körte, 4581; Körte2, 5754; Herberger, I, 282; Fischer, Psalter, 21a; Mayer, II, 75; Ramann, Unterr., III, 30; Braun, I, 3067; Schulzeitung, 391; für Waldeck: Curtze, 353, 487; ostfriesisch bei Bueren, 154; Hauskalender, I; für Pommern: Dähnert, 330b.
Bei A. von Chamisso Ueberschrift eines Gedichts. (Düsseldorf, II.) »Die Noth lehrt jeden Christen beten, und kennt doch keinen Feiertag, und gibt ihr Gott erst Kirchenkleider, so geht es gleich ins Festgelag.« (W. Müller, 3.) Die Finnen: Die Noth lehrt den Lappländer schiessen. (Bertram, 56.)
Dän.: Nød lærer at bede. (Prov. dan., 430.)
Frz.: Dans la nécessité on a recours à Dieu. (Chemnitius, 356.)
Holl.: Nood leert bidden. (Harrebomée, II, 129b.)
It.: Chi è in necessità, chiama soccorso. (Gaal, 1220.) – L'afflizione è la madre dell' orazione. (Pazzaglia, 4.)
Lat.: Adversae res admonent religionis. (Seybold, 11.) – Calamitas virtutis occasio. (Chaos, 1059.) – Cum res trepidae, reverentia divum nascitur. (Sil. Ital.) – In rebus acerbis acrius advertunt animos ad religionem. (Lucret.) (Binder I, 655; II, 1465.) – Necessitas plus posse, quam pietas solet. (Philippi, II, 9.) – Optimus orandi magister necessitas. (Binder I, 1304; II, 2437; Gaal, 1220; Philippi, II, 76; Seybold, 419.) – Ubi dolor, ibi verba. (Fischer, Psalter, 311, 4.)
Schwed.: Nöd lärer bedja. (Grubb, 598; Wensell, 60.)
Ung.: Megtanit a szükség imádkozni. (Gaal, 1220.)
229. Noth lehrt beten; aber Arbeit lehrt, wie man gegen Noth sich wehrt.Körte2, 5755.
230. Noth lehrt demütig singen.Henisch, 674, 63; Petri, II, 500.
Schwed.: Träng lärer tiggia. (Grubb, 819.)
231. Noth lehrt den Affen geigen.Eiselein, 495; Simrock, 7567.
232. Noth lehrt den Bären tanzen und den Affen geigen.Mayer, II, 75; Braun, I, 3074; Masson, 264.
233. Noth lehrt den Hasen springen. (Krim. Bl.)
Anspielung auf den Jerboa oder Springhasen, der in der Krim häufig ist.
234. Noth lehrt die Lahmen gehen und die Blinden sehen.
Die Russen: Noth öffnet die Ohren der Tauben. (Altmann VI, 488.)
235. Noth lehrt die Leute erkennen.
It.: Bisogna fa buon fante. (Gaal, 1224.)
236. Noth lehrt (macht) ein alt Weib tanzen (traben, springen).Petri, II, 500; Lehmann, II, 429, 197; Eiselein, 495; Winckler, I, 35; Simrock, 7571; Sailer, 180; Braun, I, 3084; Masson, 265.
Auch russisch Altmann, 388. Wie die Russen behaupten, lehrt sie auch die jungen Weiber huren und die alten arbeiten. Ferner: den Stummen sprechen. (Altmann VI, 406 u. 421.)
Dän.: Nød kommer gammel kierling til at trave. (Bohn I, 393.)
Engl.: Need makes an old wife trot. (Bohn II, 118; Eiselein, 495; Gaal, 1222; Masson, 265.) – Need makes the nacked man run (the nacked quean spin). (Bohn II, 118; Gaal, 1222.)
Frz.: Besoin fait vieille trotter. (Bohn I, 8; Starschedel, 43.) – Besoin fait vieille trotter, et l'endormi réveiller. (Kritzinger, 68a; Gaal, 1222.)
Holl.: Nood doet kreupelen op stelten gaan. – Nood doet oude knollen (een oud wijf) draven. (Bohn II, 306; Harrebomée, II, 129a.)
It.: Bisogno fa trottare la vecchia. (Gaal, 1222; Bohn II, 118.)
Lat.: Ignaviam necessitas acuit et saepe desperatio spei causa est. (Curtius.) (Binder II, 1326; Philippi, I, 185.) – Necessitate currit anus. – Saepe necesse gravem currere cogit anum. (Binder II, 2998; Buchler, 246, 2; Masson, 265.)
Schwed.: Nöden lärer käringen at skumpa. (Rhodin, 104.)
Span.: La necesidad hace á la vieja trotar. (Bohn I, 227.)
237. Noth lehrt gumpen.
238. Noth lehrt in saure Aepfel beissen.Eiselein, 495; Simrock, 7573.
239. Noth lehrt nur ertragen, aber Weisheit lehrt entsagen.
240. Noth lehrt partieren.Petri, II, 500.
241. Noth lehrt Pfannkuchen essen.
242. Noth lehrt schaffen.Eiselein, 495.
Böhm.: Bída učí rozumu. – Naučí nouze práci. (Čelakovský, 177.)
It.: La necessità torna in volonta. (Bohn I, 106.)
Poln.: Niewola nauczy robić. (Čelakovský, 177.)
243. Noth lehrt schreien.
Um Hülfe rufen, man darf nicht um Worte sorgen.
Böhm.: Nauči potřeba, čeho k ní třeba. (Čelakovský, 177.)
Lat.: Nemo tam infans est quem non dolor faciat eloquentem. (Philippi, II, 17; Seybold, 341.)
Poln.: Nauczy potrzeba, czego do niej trzeba. (Čelakovský, 177.)
244. Noth lehrt viel Böses.
Lat.: Multa docet duris urgens in rebus egestas. (Virgil.) (Philippi, I, 260.)
245. Noth lehrt viel Künste.Simrock, 7566; Gaal, 1224; Braun, I, 3070.
Dän.: Nød lærer kunster. (Prov. dan., 430.)
Holl.: Nood leert veel cunsten. (Harrebomée, II, 129b.)
Poln.: Dobrego hetmana przygoda pokaże. – Niewola nauczyrobic. – W trudności rozum poznać. (Masson, 265.)
Schwed.: Nöd gör tilltagsen. (Wensell, 60.) – Nöd lärer konster. (Grubb, 601.)
Ung.: Minden mesterségre megtanit a' nyomorúság. (Gaal, 1224.)
246. Noth leidet kein Gebot.Graf, 388, 533; Hertius, II, 3, 416.
»Die Noth lehrt eim zur Hand, dessen man sonst hätt kein Verstand.«
Lat.: Quae pro parte nocent plurima saepe docent. (Sutor, 265.)
247. Noth leret schwimmen.Lehmann, II, 434, 78.
Frz.: Nécessité instruit les gens. (Masson, 265.)
248. Noth macht auch den Feigsten beherzt.
It.: Bisogno fa buon fante. – Bisogno fa prod' uomo. – Necessità fa prodi anco i men forti.
249. Noth macht aus Narren Weise.Parömiakon, 1785.
250. Noth macht aus rohen Bohnen Zuckerbrot.
Lat.: Omnia esculenta obsessis. (Binder II, 2392; Lang, 6; Philippi, II, 69.)
251. Noth macht aus Steinen Brot.Sprichwörtergarten, 36.
Der steinigste Boden wird durch anstrengende Arbeit urbar gemacht.
It.: La necessità gran cose insegna.
252. Noth macht dem Hinkenden (Lahmen) hurtige Füss.Lehmann, 556, 37.
Böhm.: Chléb má rohy, nouze (nezvůle) nohy. (Čelakovský, 177.)
253. Noth macht den Menschen schön wie Krebse, die in siedend Wasser gehn.
254. Noth macht die Gaben (Almosen) klein.
Böhm.: Drahátĕ almužna v čas nedostatku. (Čelakovský, 178.)
255. Noth macht einen Forchtsamen keck vnd geherzt.Lehmann, II, 429, 148.
256. Noth macht erfinderisch.Staub, 12; Braun, I, 3083.
Böhm.: Človĕk v nesnázích důvtipen. (Čelakovský, 177.)
Dän.: Nød giør næse-dierf (næse-viis). (Prov. dan., 429.)
Frz.: Nécessité est mère d'industrie.
Holl.: Nood leert uitvinden. (Harrebomée, II, 129b.)
It.: Bisognino fa l'uomo ingegnoso. – Bisognino fa svegliato l'umano intelletto. – La necessità è madre dell' invenzione. (Pazzaglia, 141, 4.)
Lat.: Egestas artes docet. (Faselius, 37.) – Ingenium mala saepe movent. (Ovid.) (Philippi, I, 197.) – Labor ingenium miseris dat. (Binder II, 1612.) – Multa docet urgens in rebus egestas. (Gaal, 1224.) – Vaxatio dat intellectum. (Binder II, 3528; Steinmeyer, 15.)
257. Noth macht erfinderisch, sagte die Frau, als sie aus einem schweinschwartenen Bücherdeckel Kalbsbrühe kochen wollte.
258. Noth macht essen grobe Speisen.
259. Noth macht fleissige Leute.
260. Noth macht (flinke Händ' und) Füsse.Eiselein, 495; Simrock, 7564a; Braun, I, 3085.
Böhm.: Bych mĕl šat a co bych jedl, také já bych ležeti dovedł. (Čelakovský, 133.)
Lat.: Omnia vicit duris urgens in rebus egestas. (Virgil.) (Binder II, 2406.)
261. Noth macht gute Soldaten.
262. Noth macht rathlos.
Böhm.: Když přijde zlé bydlo, nejde na mysl ani jídlo. – Není hůře, jako když nouze a hoře. (Čelakovský, 173.)
Schwed.: Nöd giör rådlös. (Grubb, 600.)
263. Noth macht roth.
»Schön macht den Menschen die Noth, wie siedend Wasser die Krebse roth.« (Wurzbach I, 319, 411.)
264. Noth macht viel Dieb' und raubt mir mein Lieb'.Körte, 4597; Körte2, 5775.
265. Noth macht wunderlich.
Lat.: In rebus dubiis plurima est audacia. (Sutor, 120.)
266. Noth nimmt sich's nicht übel und macht Düten aus der Bibel.
267. Noth nimmt vom Galgen den Mann und hängt ihn wieder dran.
268. Noth, noth, wer will dich stillen.Lehmann, II, 429, 133.
269. Noth richt sich nach den Menschen vnnd nicht nach den Gesetzen.Lehmann, 555, 19.
270. Noth schafft Rath.Schlechta, 189.
271. Noth schlägt den Feind.
Die Russen: Noth schlägt den Prasser nieder, Rache leiht das Schwert dazu. (Altmann VI, 422.)
It.: La necessità fà ardito anch' il codardo. (Pazzaglia, 241, 6.)
272. Noth schleust all Ding.Lehmann, II, 429, 134.
273. Noth schwächt alle gewalt.Lehmann, 554, 1; Lehmann, II, 429, 125; Körte, 4590.
Lat.: Magna vis necessitas.
274. Noth spaltet Felsen.Lehmann, II, 429, 138.
Schwed.: Nöd bryter bärg. (Grubb, 599.)
275. Noth stählt die Herzen.
Böhm.: Bídu tříti, kamenné srdce míti. (Čelakovský, 182.)
276. Noth stiftet Mord, oder bringt gute Wort'. Lehmann, II, 429, 146; Körte, 4594.
Frz.: Quand il n'y a point de foin au râtelier, les ânes se battent.
277. Noth sucht list.Henisch, 524, 32.
Schwed.: Nöd sökier råd. (Grubb, 600.)
278. Noth sucht list, dass gewalt nicht auff sie pisst.Lehmann, 555, 7.
Holl.: Nood zoekt list. (Harrebomée, II, 129b.)
Lat.: Vexatio dat intellectum.
279. Noth sucht Rath.
Schwed.: Nöd giör rådlös. (Grubb, 600.)
280. Noth sucht Weg.Petri, II, 501.
Schwed.: Nöden låter intet hålla sig. (Grubb, 600.)
281. Noth thut mehr als Worte (Reden).
Holl.: Nood doet veel meer dan goede reden. (Harrebomée, II, 129b.)
282. Noth thut Wunder.
Holl.: Nood doet wonderen. (Harrebomée, II, 129b.)
283. Noth treibt den Faulen fort.Lehmann, 554, 1; Gaal, 1223.
Dän.: Nød är aarsag nok til en gierning. (Prov. dan., 430.)
Holl.: Nood stoot. (Harrebomée, II, 129b.)
284. Noth treibt den Hund an die Kette.
Dän.: Nöd driver hunden i baand. (Prov. dan., 430.)
Schwed.: Nöden drifwer hunden i band. (Grubb, 604; Rhodin, 104.)
285. Noth treibt zu Gott.Henisch, 339, 51.
286. Noth tringt ängstiglich zu schwitzen.Lehmann, II, 429, 137.
287. Noth und Liebe hat kein Gesetz.Herberger, I, 345.
288. Noth und Sorge werden vom Teufel ausgebrütet.
Böhm.: Bĕd a péčí čerti napekli. (Čelakovský,
181.)
289. Noth und Tod hat kein Gebot.Simrock, 7560; Hillebrand, 191, 269; Graf, 388, 529.
290. Noth und Tod kommt zu Jungen und Alten.Simrock, 7561; Gaal, 1531; Körte2, 5779; Braun, I, 3073; plattdeutsch bei Schlingmann, 1086.
It.: Non ha più carta l'agnello che la pecora. (Gaal, 1531.)
Lat.: Serius aut citius metam properamus ad unam. (Gaal, 1531.)
Poln.: Śmierć niepatrzy w zęby. – Śmierć zmyka ta kmłodego jak i starego. (Masson, 332.)
291. Noth und Unglück gehen vor keiner Thür vorbei.
292. Noth und Zeit machen bescheidene (demüthige) Leut'.
Dän.: Nød tvinger hovmod og trang giør ydmyghed. (Prov. dan., 430.)
293. Noth und Zwang bricht Eid und Treue. Graf, 389, 540; Petri, II, 501.
Niederd.: Nôt und dwank brikt ede unde truwe. (Reineke de Vos, III, 4, 4615.)
294. Noth verendert den muth vnnd lest einem sein liberum arbitrium.Lehmann, 555, 23.
It.: La necessità abbassa la nobiltà. (Pazzaglia, 241, 3.)
295. Noth vereinigt Herzen.Simrock, 7582; Gaal, 1582.
296. Noth vnd vnglück entdecket falscher Freunde tück.Gruter, III, 73; Lehmann, II, 434, 79; Henisch, 1228, 64; Lange, 168; Chaos, 56; Birlinger, 496.
297. Noth will kurzen Rath.
298. Noth, Zit und Lüt mache 's G'setz eng und wit. (Luzern.)
299. 'S ist no koin Not am Fidla, so lang 's Hemmet nett brennt. (Weingarten.) – Birlinger, 406.
300. So manche Noth, so mancher Rath.Simrock, 7586a.
»Da gehet's nach dem Sprichwort: So manche not, so mancher Gott.« (Herberger, I, 847.)
301. Teud der Näuth is Käuken Bräut. (Sauerland.)
302. To Noth öss ôk e ôl Wîf got.Frischbier2, 2802.
303. Us der Nuth kütt der Dud. (Bedburg.)
304. Ut Noth röhrt de Katt de Pôt (Fuss). (Ostfries.) – Bueren, 1180; Kern, 704; Hauskalender, III.
305. Vber Noth getruncken, heist gezwungen Durst leyden.Lehmann, II, 795, 5.
306. Volg der not; wilstu nit, so mustu.Franck, I, 39b; Lehmann, II, 793, 125; Simrock, 7578.
307. Vor (aus) Noth esst man Weizenbrot. (Jüd.-deutsch. Brody.)
308. Wa kêne Not hout, dam muss ma se lan. (Nordböhmen.)
Wer keine Noth hat, dem muss man sie lehren.
309. Wann de Nauth am höchesten, dann is de lêwe Gott am nächesten. (Waldeck.) – Curtze, 353, 485; hochdeutsch bei Simrock, 7584.
Böhm.: Kdĕ nouze nejvyšší, tam Pán Bůh nejbližší. (Čelakovský, 12.)
Holl.: Wanneer de nood op het hoogst is, is de redding nabij. (Harrebomée, II, 129b.)
310. Wann wir in nöthen sein am schwächsten, so ist Gottes hilff am nechsten.Loci comm., 27; Petri, I, 99; Henisch, 1710, 34.
311. Was aus Noth passirt, wird nicht als schimpflich declarirt.Eiselein, 496.
312. Was in Nöthen geschieht, ist doppelt angenehm.Körte2, 5751.
313. Was man aus Noth nicht mag entbehrn, das soll man völlig leiden gern.Eiselein, 496.
314. Wat 's nu vör Noth för Botter, säd' de Jung; Moder, unse Koh hätt bullt.Hoefer, 570; Schlingmann, 748.
315. Wem man die Noth klagt, der ist genug gebeten.Eiselein, 498; Simrock, 7589; Körte2, 5779; Braun, I, 3086.
Man klagt sie keinem, man wolle denn Rath oder Hülfe von ihm haben.
Dän.: Den er beded nok for hvilken man klager sin nød. (Prov. dan., 50.)
Holl.: Het is genoeg geëischt, als men zijnen nood te kennen geeft. (Harrebomée, II, 129a.)
It.: Colui ch' espone la sua necessità domanda assai. (Pazzaglia, 88, 5.)
316. Wen die Noth ins Kloster treibt, der wird selten ein Heiliger.
Böhm.: Před nouzí do kláštera. (Čelakovský, 335.)
317. Wenn die Noth am grössten, ist die Hülf' (ist Gott) am nächsten.Bücking, 375; Chaos, 940; Eiselein, 495; Fischer, Psalter, 567, 4; Mayer, II, 76; Reche, I, 2; Büttner, 65; Körte, 4596; Ramann, Unterr., I, 19; Steiger, 477; Lohrengel, I, 758; Braun, I, 3078.
»Wann alles stehet in gröster Not, so kümbt vnd hilff der Liebe Gott.« (Keil, Gesellen Stammbuch, S. 56.) In der Schlacht bei Rossbach war ein alter französischer General, der sich ausserordentlich tapfer geschlagen, voller Wunden in preussische Gefangenschaft gerathen. Friedrich schickte sofort die tüchtigsten Wundärzte, folgte bald selbst und sagte zu dem General: »Wenn der Schmerz am grössten, ist die Hülf' am nächsten.« »Majestät«, antwortete der General, »Sie sind grösser als Alexander, der seine Gefangenen quälte, Sie giessen Oel in ihre Wunden.« (Anekdoten und Charakterzüge aus d. Leben Friedrich II., Berlin 1787, II, 47.) In den Dresdener Nachrichten las man 1869: »Wo die Noth am grössten, ist der Hauswirth am bösesten.«
Nordfries.: Wan de Nuad gurst es, es de Help neist. (Hansen, 18.)
Dän.: Guds hielpe er näst, naar angest er meest. – Naar baandet er haardest, brister der snarest. – Naar nøden er størst, kommer guds hielp først. (Prov. dan., 26.)
Engl.: God comes at last, when we think he is farthest off. – When bale (altenglisch Wort = misery) is hext (highest), boot is next (nighest). (Bohn II, 68.)
Frz.: A barque désespérée Dieu fait trouver le port. (Masson, 5.)
Holl.: Als de anxt meest is, so is godes hulpe aldernaest. (Fallersleben, 6; Harrebomée, I, 240.)
It.: Quando il caso è disperato, la provvidenza è vicina. (Marin, 22.) – Quando la paura è grande l'aiuto di Dio è più vicino. (Pazzaglia, 90, 4.)
Lat.: Auxilium Christi venit ad nos tempore tristi. (Loci comm., 23.) – Cum duplicantur lateres, venit Moses. (Seybold, 109.) – Deus ex improviso apparet. (Philippi, I, 102 u. 117.) – Ex improviso subvenit ipse Deus. (Binder II, 1017; Buchler, 89.) – Grata superveniet, quae non sperabitur hora. (Marin, 27.) – Laqueus auxiliari videtur.
(Philippi, I, 220.) – Quando timor maior, tunc deus est propior. (Fallersleben, 7; Sutor, 75.)
Schwed.: När nöden är störst, är hjelpen närmast. (Marin, 22; Wensell, 59.) – När nöden är störst, kommer hjielpen först. (Grubb, 576; Wensell, 9.)
318. Wenn die Noth am Tische sitzt, braucht man für Freunde nicht zu decken.Parömiakon, 1779.
Böhm.: Když jde nouze dveřmi do domu, skáčí přátelé okny ven. (Čelakovský, 243.)
319. Wenn die Noth anklopft, so thut die Liebe die Thür auf.Simrock, 6468.
320. Wenn die Noth vorüber, wird der Heilige vergessen.
Holl.: De nood voorbij, God stat ter zij. (Harrebomée, II, 128b.)
321. Wenn Noth am Mann ist, holt man den Pfarrer von der Kanzel. (Böhmen.)
322. Wenn Noth am Mann ist, sucht man das Feuer in der Asche.
323. Wenn Noth kommt an den Mann, kommt auch der Schuhflicker dran.
324. Wenn Noth kommt an den Mann, schreit man zu Gott und geht zum Juden dann.
Poln.: Kiedy bieda, do to zyda. (Magazin für die Lit. des Auslandes, 1867, Nr. 1.)
325. Wenn öwerwunnen is de Noth, dann kumt faken all (oft schon) de Dod.Eichwald, 1413; Schlingmann, 1084; Kern, 886a.
326. Wenn 't Noth hett, is 't all to lât.Bueren, 1251; Hauskalender, II.
327. Wer ander noth vnd Creutz sicht an, sein eigen leichter tragen kan.Henisch, 623, 36.
328. Wer aus Noth spielt, verliert ohne Willen. Winckler, XX, 29.
329. Wer auss noth oder zwang fromb ist, der bleibt nicht lang fromb.Lehmann, 221, 63.
330. Wer die Noth für sich hat, der hat (genügende) Ursache seines Thuns.
Ist entschuldigt deswegen.
331. Wer für die Noth gespart, der ist vor Noth bewahrt.
Lat.: Necessitatis est remedium parcitas. (Fischer, 145, 17.)
332. Wer in der Noth ist, der hette gerne Rath. Petri, II, 723.
333. Wer in der Noth steckt, klagt immerdar.
Engl.: The sufferer becomes a chatterer.
Lat.: Calamitas querula, superba felicitas. (Seybold, 61.)
334. Wer in Noth, dem ist willkommen der Tod.
335. Wer in Noth, fürchtet nicht den Tod.
Holl.: Die is in nood, die vreest geen' dood. (Harrebomée, II, 128b.)
336. Wer in Noth ist, geht zum Juden; ist aber die Noth vorüber, so kann uns der Jude im Arsch lecken. (Posen.)
337. Wer muthwillig geht in Noth, ist selber schuld an seinem Tod.
338. Wer nicht gesteckt in Noth, weiss nicht, wie schmeckt das Sorgen(Kummer-)brot.
Böhm.: Kdo nic nezkusil, nic neví. – Kdo v nouzi nebýval, den nic nevídal. (Čelakovský, 177.)
339. Wer nicht gesteckt ist in noth vnd leiden, der hat kein Hertzlich mitleiden.Lehmann, 520, 15.
340. Wer nicht um Noth Zorn hat, das en ist nicht eines weisen Rath.Limb. Chronik, 43.
341. Wer Noth leidet, wird von niemand beneidet.Seybold, 308.
342. Wer Noth will han, der nehm' ein Weib und schaff' eine Uhr sich an.
343. Wer selber war in Noth, reicht gern dem Hungrigen sein Brot.
Die Finnen: Der ist nicht in Noth gewesen, der dem andern nicht hilft.
344. Wo die Noth plötzlich einfällt, muss man geschwind rathschlagen.Lehmann, II, 434, 82.
345. Wo kein noth ist, da ist hülff vnwehrt.Lehmann, 557, 43; Simrock, 7587; Körte, 4579.
346. Wo keine noth, da kein gebet.Henisch, 1388, 30.
347. Wo Noth, da sind die Freunde todt.Chaos, 45.
348. Wo Noth isch, isch Ufride. (Solothurn.) – Schild, 67, 123; Sutermeister, 112.
Böhm.: Ráda paní Nouze do Svárova zajíždí. (Čelakovský, 242.)
Poln.: Przyjechała Nędza do Swarzędza. (Čelakovský, 242.)
349. Wo Noth ist, da stehen die Ochsen am Berge.Lehmann, 556, 39.
Da fehlt es an gutem Rathe.
350. Wo Noth vorhanden, da ist bös scherzen.
Lat.: Absurde ridentur vulnera, quibus prope est opus medico. (Chaos, 542.)
351. Zur noth ist niemand arm.Franck, I, 117a; Lehmann, II, 903, 29; Simrock, 7580; Körte, 4595; Braun, I, 3081.
352. Zur Noth nimmt man einen Dieb vom Galgen; vnd wenn man sein nicht mehr bedarff, hencket man jhn wieder daran. Fischart, Gesch., in Kloster, VIII, 499.
353. Zur Noth steckt man in rostige Scheiden blanke Schwerter.Eiselein, 495; Simrock, 7577.
*354. Auss der Not ein Tugend machen.Wurstisen, DXXXIIII; Pauli, Schimpff, XXVa; Franck, Zeytbuch, CCLIIb; Lohrengel, II, 41; Braun, I, 3071.
»Macht eine Tugend aus der Noth.« (Fischart, Gesch., in Kloster, VIII, 237.) Eine jüdisch-
deutsche Redensart in Podolien drückt denselben Gedanken, besonders wenn sich jemand bei einer feierlichen religiösen Cermonie eines Formfehlers schuldig macht, so aus: »Leiser kocybiewker benscht (verrichtet den Segenspruch) Chanüke-Licht mit der Schicksl (Christenmädchen).« Die Redensart wird von folgendem Vorgang abgeleitet: Ein Jude Namens Leiser aus Kocybiewka, kam an einem Freitagabend spät nach Hause. Da erinnerte er sich, dass er noch keine Chanuka-Lichte »gebenscht« habe. Seine Verlegenheit wuchs, als er bemerkte, dass der Sabbat bereits herangebrochen war, und er kein Licht mehr anrühren dürfe. Da ergriff er das anwesende Christenmädchen, nahm es auf seine Arme und verrichtete mit ihr diese Ceremonie.
Frz.: Faire de nécessité vertu. (Kritzinger, 476; Starschedel, 432.)
Holl.: Van de nood eene deugt maken. (Bohn I, 340.)
Lat.: Necessitate parere.
Schwed.: Göra en dygd af nödwändigheten. (Marin, 14.)
*355. Dä es va Nuth zo Brud kummen. (Bedburg.)
*356. Da schaut die Noth überall heraus.Mayer, II, 76.
*357. Dass dich die schwere Noth!
Gleichbedeutend mit der Verwünschungsformel: Dass dich die ⇨ Kränk(s.d.) oder die Fallsucht (Epilepsie) heimsuche. (Frommann, III, 120.)
*358. Dat hett kene Nôd.Dähnert, 330b.
Davor darf ich mich nicht fürchten.
*359. Du sallst de krumme (starre) Nôd krigen. Dähnert, 330b.
Es soll dir übel gehen.
*360. Einem aus der Noth helfen.
Holl.: Hij helpt hem uit de nood. ( Harrebomée, II, 129a.)
*361. Einen in der Noth stecken lassen.
Frz.: Abandonner quelqu'un au besoin. (Kritzinger, 1a.)
Holl.: Iemand in den nood laten. (Harrebomée, II, 129a.)
Lat.: Sub cultro me liquit. (Horaz.) (Philippi, II, 203.)
*362. Einen in die äusserste Noth bringen.
Frz.: Acculer quelqu'un. (Kritzinger, 7a.)
*363. Er hat keine Noth.
Holl.: Hij heeft nog geene krimp. ( Harrebomée, I, 451a.)
*364. Er hat seine Noth wie die rothköpfigen Schweine. (Köthen.)
Es kann ihn niemand leiden.
*365. Er ist in grosser Noth oder gar todt.
Holl.: Hij is dood of in grooten nood. (Harrebomée, II, 129a.)
*366. Er weiss nichts von Noth.
Holl.: Hij weet van geene krimp. ( Harrebomée, I, 451a.)
*367. Es hat keine Noth damit.Braun, I, 3088.
Lat.: In diem istud est, quod minaris. (Seybold, 237.)
*368. Es hat keine Noth, ich stehe schon mit dem Fusse drauf.Eiselein, 496.
*369. Es hat keine Noth mehr.
Lat.: In vado res est. (Seybold, 256.)
*370. Hei hat necks op de Noit. (Deutz.)
Ist sehr arm.
*371. Ich hab's zur Noth gebraucht.Eiselein, 496.
Lat.: Ad id quod erat opus (insumpsi). – Ita ut Pericles perdidi, in quod opportuit. ( Eiselein, 486.)
*372. In grosser Noth sein.
Engl.: To be in a peck of troubles. (Bohn II, 174.)
Frz.: Être dans le besoin. (Kritzinger, 68a.)
*373. Is hä emoal in grote Noth, frött hä de Worscht ôk oahne Brod.Schlingmann, 1085.
*374. Mit nauer Noth.Eichwald, 1411; Kern, 1563.
*375. Nun ist Noth am Mann!Eiselein, 498; Braun, II, 3072; Körte, 4576.
Holl.: De nood gaat (komt) aan den man. (Harrebomée, II, 128b.)
Lat.: Res ad triarios rediit. (Eiselein, 495.)
*376. Seine Noth der Stiefmutter klagen.Körte, 4602a; Braun, I, 3087.
Kein Mitleid für seine Klagen bei jemand finden.
*377. Seine Noth der Wand klagen.
Mhd.: Ez ist ein wunderlicher tant der sîn nôt schrîbt an eine want. (Lieders.) (Zingerle,
110.)
*378. Sich durch die Noth überfallen lassen.
Frz.: Se laisser accueillir par la nécessité. (Kritzinger, 7a.)
*379. Wat nu vör Nôd.Dähnert, 330b.
Nun ist mir geholfen.
*380. Wenn Noth an Mann kommt.Pauli, Postilla, 532a.
Wenn die Umstände es nothwendig machen. In Pommern: Wenn de Nôd an' Mann stött'.
[Zusätze und Ergänzungen]
381. Bei der jetzigen Noth werden die Gesichter täglich länger, sagte der Barbier; es ist nicht mehr möglich, um den alten bisherigen Preis zu barbieren.
382. Das ist eine not vber alle not, alles, was lebt, das förcht den todt. Betracht das selb vnd treib kein spott, so wirdt dir allzeit helffen Gott.Loci comm., 127.
Lat.: Disce quid es, quid eris, memor esto, quod morieris. (Loci comm., 127.)
383. De Nod, de Nod drifft den Ossen inn Sod. Plattdütscher Husfründ, II, 50.
384. Die Noth bringt Einen zu seltsamen Schlafgesellen.
Aus Shakespeare's Sturm, II, 2: Misery acquaints a man with strange bedfellows.
385. Die Noth frisst ihm die Ohren ab.Schuller, 45.
386. Die Noth wartet auf keinen Sonnenschein. Gryphius, 53.
387. Grosse Noth sucht schamlos Brot.
388. In der Noth geht Verstand noch über Brot.
389. In der Noth heisst die Nase kühn.
390. In der Noth isst man Afterkuchen. (Breslau.)
391. In der Noth springt man ins Wasser, um sich vor dem Feuer zu retten.
»Im Nothgedränge wird die Kunst geboren, Gefahren durch Gefahren zu besiegen.«
Lat.: Si urget necessitas, pericla periclo adi. (Sailer, Sprüche, 150.)
392. In schneller Noth gilt schneller Rath.
Lat.: Subito in periculo consilium rapidum valet. (Sailer, Sprüche, 170.)
393. Lieber Noth gelitten, als Brot vom Feinde bitten.
394. Not vnd lieb gehen für alle ding.Franck, Paradoxa, 107b.
395. Noth ist der beste Sporn.Spindler, Bastard, III, 241.
396. Noth lehrt Eierkuchen essen.
397. Noth springt über Gebot.
398. Noth und Tod gehen vor keiner Thür vorbei.Weingärtner, 97.
399. Wo nicht gross noht vnd gfahr drauff steht, bwar das Blut, dass dir keins geht.Egerbote, August, 1877.

Deutsches Sprichwörter-Lexikon . 2015.

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  • Freund (Subst.) — 1. Allermanns (Allerwelts) Freund, niemands Freund (jedermanns Geck). – Simrock, 2750; Winckler, X, 16; Eiselein, 185; Kirchhofer, 354; Reinsberg III, 143. Dem Allerweltsfreunde empfiehlt W. Müller: »Willst du der Leute Liebling sein, sei… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Leben (Subst.) — 1. All Levve well widderlääv sin. (Köln.) – Firmenich, I, 475, 186. Ein unordentliches und übermüthiges Leben rächt sich. Weyden (II, 6) hat das Sprichwort in folgender Fassung, aber ohne Angabe seines Sinnes: All et Leven wel widerläv sin, oder… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Elend (Subst.) — 1. Das Elend ist uns angetraut wie eine Frau. (Lit.) Unter Elend wird hier besonders der Frondienst gemeint, wenigstens wird das vorstehende Sprichwort vorzüglich in diesem Sinne angewandt. 2. Das grösste Elend ist, kein Elend tragen können. –… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

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  • Weg (Subst.) — 1. A guter Weg krumm, ist nint um. (Deisslingen.) – Birlinger, 203. 2. Ach Gott, den Weg möten wi all, säd de oll Frû, dôr füert de Schinner mit de Koh ût n Stall. – Hoefer, 295; Schlingmann, 461. »Einer Fraw war die Kuh gestorben. Als dieselbe… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Ehe (Subst.) — 1. Die Ehe ein Ehr vnd Lehrstand ist, drin man viel lernt zu aller Frist. – Petri, II, 126. 2. Die Ehe hat funfzehn Freuden. (Franz.) Ironisch für Plagen. 3. Die Ehe hat viel Leiden, aber die Ehelosigkeit keine Freuden. 4. Die Ehe ist der Orden… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Husten (Subst.) — 1. Der Husten bringt nicht stets den Tod, er hilft oft auch aus Noth. Dän.: Hoste hielper mangen præst og degn. (Prov. dan., 19 u. 301.) 2. Der Husten muss Grund tragen. 3. Ein trockener Husten ist des Todes Trompeter (Vorbote). – Eiselein, 338.… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Kosten (Subst.) — 1. Auf fremde Kosten tapfer zehren und auf eigene schmale Bisslein essen, ist die beste und gesundeste Diät. – Opel, 386. Dän.: Godt at vaere kostfri af en andens pung, at skiære en bred rem af en andens hud. (Prov. dan., 461.) 2. Auf seine… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Morgen (Subst.) — 1. Alle Morge Grött, alle Möddag Môss, alle Abend Päkelflêsch on alle Nacht en Stoss. (Alt Pillau.) (S. ⇨ Mittag.) 2. Alle Morgen neue Sorgen. – Simrock, 9607. Mhd.: Mich grüezent iemer sorgen zem êrsten an dem morgen. (Freidank.) (Zingerle,… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon

  • Recht (Subst.) — 1. Alles, was das Recht erlaubt, thut man mit Recht. – Graf, 285, 6. Mhd..: Allez daz das reht irloubt, daz tut man wol mit rehte. (Daniels, 334, 43.) 2. Alt Recht und frischer Braten ist wohl zu rathen. Böhm.: Stará práva, čerstvá potrava –… …   Deutsches Sprichwörter-Lexikon


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